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Nostalgiebob von Peter Utzschneider

Schon vor etwa 5 Jahren befassten wir uns erstmals mit dem Gedanken an einen Wiederaufbau der Olympischen Bobbahn am Rießersee und an ein Rennen mit Holzbobs nach historischem Vorbild. Durch einen Fernsehbericht beim Sender SW3 wurden wir auf ein Nostalgierennen in Kandersteg aufmerksam, bei dem teils fast 100 Jahre alte Bobschlitten zum Einsatz kommen.
Im Jahr darauf kontaktierten wir die Organisatoren in der Schweiz und konnten auch  beim "Belle Epoche Bobrennen" als Team SC Riessersee  teilnehmen. Nach dem Rennen setzten wir uns mit den Kanderstegern zusammen und teilten ihnen mit, dass wir auch ein nostalgisches Bobrennen in Garmisch-Partenkirchen planen.  Sie waren darüber sehr erfreut und auch bereit, uns drei Ihrer nostalgischen Holzbobs zu leihen. Bei den ersten Historischen Bobwochen am Riessersee reisten sie mit zwei Teams an, wovon eines sogar den 2. Platz belegte.  

Da diese Schlitten über eine Spurbreite von nur 55 cm verfügten, war die Gefahr von Kippstützen jedoch sehr hoch. Dies veranlasste uns dazu, über den Bau von eigenen Bobschlitten aus Holz nachzudenken. Unser SCR Vereinsmitglied Peter Utzschneider nahm sich dieser großen Herausforderung an.  Im Vorfeld konnte man gar nicht abschätzen, welche enormer Aufwand notwendig war, um vier renntaugliche historische Bobschlitten herzustellen. Peter Utzschneider, der schon Ende der 60-er Jahre viel an Bobs herum gebastelt und auch mehrere eigene Schlitten gebaut hat, kann sich noch gut an die goldene Zeit des Bobsports in Ohlstadt erinnern. Es begann damit, dass die aus England stammende Familie Man, die in Ohlstadt den Streidlhof besaß, Anfang der 30-er Jahre einen Holzbob aus einem St. Moritz-Urlaub mitbrachte.


Weltmeister 1962 am Riessersee - Josef Sterff, Otto Göbl, Franz Schelle und Ludwig Siebert

Nach dem Krieg bauten die Ohlstädter Wagner mehrere Schlitten nach diesem Muster. Franz Schelle war einer der ersten, der mit diesen Holzbobs die Ohlstädter Strassen hinunter sauste. Nachdem er einmal mit einem amerikanischen MP-Jeep kollidiert war, entschied der Bürgermeister, dass auf den öffentlichen Straßen nicht mehr gefahren werden darf. Jahre später bekam Franz Schelle vom SCR-Bobfahrer Franz Kemser einen Schlitten geschenkt, mit dem er auch 1951 die Bayrische Meisterschaft auf der Olympia-Bobbahn am Riessersee gewann. Ausgelöst von diesem Erfolg wurde der Bobsport in Ohlstadt  immer populärer. Peter Utzschneider erinnert sich noch gut  daran.: „Der Sieg war für uns eine Motivation, mal selber in einen Bob zu steigen.“ Er baute sich 1960 seinen ersten Holzbob mit Lenkrad. Nachdem Franz Schelle 1962 auf der Bobbahn am Riessersee den Weltmeistertitel im Viererbob errungen hatte, wurde er zum großen Vorbild für die Ohlstädter Jugend.

1965 hatte sich Peter Utzschneider einen "Feierabend Super", einen Stahlbob, umgebaut und unternahm mit Wolfgang Zimmerer erste Testfahrten in St. Moritz. Seine erste offizielle 4-er Fahrt fand 1966 zusammen mit Stefan Gaisreiter und Toni Utzschneider hinter dem Steuermann Wolfgang Zimmerer auf der Olympia-Bobbahn in Garmisch-Partenkirchen statt und unzählige weitere sollten folgen.
Nach den Europameisterschaften in diesem Jahr wurde die legendäre Bahn am Riessersee geschlossen und erwachte erst nach fast 50 Jahren anlässlich der Historischen Bobwoche 2013 aus ihrem Dornröschenschlaf. Peter Utzschneider, der vielfache Weltmeister und olympische Goldmedailliengewinner 1972 zusammen mit Wolfgang Zimmerer ist heute eines unserer aktivsten Mitglieder.



Peter Utzschneider und SCR-Bobpräsident Rolf Lehmann beim Aufbau und Einstellungen der filigranen Lenkung

Er nahm letztes Jahr die große Herausforderung an, der Bobabteilung des SCR vier Holzschlitten im Stil der 30-er Jahre zu bauen. Gemeinsam mit Rolf Lehmann, dem 1. Vorstand der SCR-Bobabteilung, arbeitete er ein Reglement aus, das die wichtigsten Merkmale wie Maße, Gewicht, Spurbreite und verwendete Materialien festlegte. Hierbei wurde besonderer Wert auf ein nostalgisches Flair gelegt. Bei der Spurbreite einigte man sich aus Sicherheitsgründen auf das internationale Maß von 67 cm, um die Kippgefahr auf der auch in verkürzter Form immer noch gefährlichen Olympiabobbahn zu verringern. Drei Monate lang werkelte Utzschneider täglich ca. 6 Stunden, bis der erste fahrtaugliche Dreierbob gebaut war. Im Hinterkopf hatte er dabei stets die Ohlstädter Holzbobs, die er als Jugendlicher fahren durfte. Die einmal übernommene Aufgabe bereitete Peter viele schlaflose Stunden, denn wer ihn kennt, kann sich vorstellen, mit welcher Genauigkeit und Präzision er sich ans Werk machte.

Er musste sich den Bauplan selber schaffen und in der Folge viel schneiden, hobeln und fräßen.
Einen wichtigen Teil des Bobs, die Kufen, ließ er vom Schreiner Gerhard Brettschneider und von Schmied Christian Hausmann anfertigen. Am meisten Arbeit und vor allem Kopfzerbrechen bereitete ihm jedoch die Lenkung,  deren Umlenkrollen und Achsen er mit seinem inzwischen verstorbenen Freund, dem Maschinenschlosser Peter Danner aus Kochel, konstruierte. Hier musste alles genau passen, um spätere Bobbesatzungen nicht zu gefährden. Das Lenkrad und die Kufenverstärkung ließ er bei der Firma Edelstahlbau Saller in Oberau fertigen. Alle übrigen Teile baute Peter Utzschneider in seiner kleinen Werstatt in Ohlstadt selber.
Nachdem der Prototyp des Schlittens fertig war, konnten die drei weiteren Schlitten in Angriff genommen werden. Nach etwa einem halben Jahr mühevoller Arbeit durfte Peter Utzschneider stolz und zufrieden vor seinem verdienstvollen und hochwertigen Werk stehen: Vier handgefertigte Nostalgiebobs aus den Anfangszeiten des Bobsports.


Sie absolvierten die Testfahrten auf der Olympia-Bobbahn in Innsbruck / Igls
v.l. Sepp Beck, Peter Utzschneider, Walter Delle Karth, Markus Ostermeier und Rolf Lehmann

Was noch fehlte, war der Test in der Praxis. Im November 2013 war es so weit: Der dreifache Olympiateilnehmer Walter Delle Karth hatte die Ehre und das Vergnügen, zusammen mit Markus Ostermeier und Bremser Sepp Beck den Utzschneider-Bob auf seine Tauglichkeit zu überprüfen. SCR-Bobvorstand Rolf Lehmann ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls eine Fahrt auf  der Olympia-Bobbahn in Igls bei Innsbruck zu absolvieren. Mit knapp 90 km/h in der Zielkurve lag der Bob noch sicher in der Spur. Delle Karths Fazit war überwältigend: „Dieser Bob verträgt auch noch Geschwindigkeiten jenseits der 100 km/h-Grenze!“

Nachdem diese letzte Hürde mit Bravour genommen ist, steht dem Einsatz der vier Utzschneider-Nostalgie-Bobs bei den kommenden Historischen Bobwochen nichts mehr im Wege.

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